Jetzt ist es schon über eine Woche her, dass der Bun­destag den Auf­bau einer Zen­sur­in­fra­struk­tur im Inter­net beschlossen hat. In dieser Zeit hat sich für mich doch einiges verän­dert. Nicht nur kommt mir die Welt grauer und tris­ter vor als vor als vor dem 18.6.2009, nein ich ver­suche ger­ade zum Mul­ti­p­lika­tor zu wer­den. Da wird dann, lei­der, auch ein­mal ein etwas lauterer Mei­n­ungsaus­tausch mit Kol­le­gen geführt, anderen Leuten auf die Ner­ven gegan­gen weil man ihre Mei­n­ung zu diesem Gesetz wis­sen will und es wird sich immer mehr Gedanken gemacht wie man argu­men­tieren sollte und muss. Ach ja, gle­ich am Anfang, bevor Missver­ständ­nisse entste­hen: Ich bin für das Löschen kinder­porn. Inhalte im Inter­net. Ich sehe das Löschen nicht als Zen­sur an. ABER: Geheime Lis­ten mit ges­per­rten Seiten bei einer Polizeibehörde erhöhen die Gefahr von Miss­brauch dieser Sper­ren und erle­ichtern damit den Ein­stieg in eine Zen­sur.

Eines der Haup­tar­gu­mente die ich gehört habe ist, dass es gut sei, wenn endlich mal irgend­was unter­nom­men werde. Das dieses Irgend­was irgend­wie das total falsche ist, dass das Inter­net kein rechts­freier Raum ist, dass ver­schiedene Grup­pierun­gen (FIF, CCC usw.) schon lange vor der Polizei Kinder­pornogra­phie im Inter­net zu bekämpfen began­nen wird nicht wahrgenom­men. Das die Sper­ren sehr ein­fach umgan­gen wer­den kön­nen, Server rel­a­tiv leicht und schnell abgeschal­tet wer­den kön­nten wird dann gerne mit “Wenn denn alles immer so ein­fach wäre.” abge­tan. Häu­fig kommt auch das Argu­ment, dass es doch nur um KiPo gehe. Sobald dann aber das Gege­nar­gu­ment gebracht wird, dass Gesetze eben geän­dert wer­den kön­nen und auch schon Forderun­gen nach einer Ausweitung der Sper­ren kom­men und man die geheime Sper­rliste eben nicht kon­trol­lieren kann (Kon­troll­gremium) hin oder her, wird man angeschaut, also ob man total para­noid sei. Aber mal ehrlich, wer traut schon Ver­sprechen eines Poli­tik­ers? Vor allem mit­ten im Wahlkampf? Dazu kommt, dass wir alle erlebt haben, wie die CDU/CSU und SPD auf alle Ein­wände von Experten, aus dem Netz her­aus und von Juris­ten reagiert hat, der kommt zu dem Schluss, dass hier klar wider besseren Wis­sens entsch­ieden wurde.
Hin und wieder wird auch mit den Umfra­gen argu­men­tiert. Hier ist die Mehrheit der Bun­des­bürger für das Gesetz, in der anderen ist die Mehrheit dage­gen. Stellt man dann die Umfrage von MOGIS gegen die des BMFE, wird die von MOGIS bezweifelt, die des BMFE aber nicht. Dass selbst in der Umfrage des BMFE (PDF) nur 29% die Sper­rung für wirk­sam hal­ten wird auch nicht wahrgenom­men.
Mein absolutes Lieblingsar­gu­ment ist aber, dass wir uns nicht so aufre­gen sollen. Denn wenn das Gesetz wirk­lich so ver­fas­sungs– und bürg­erechts­feindlich sei, dann würde das Ver­fas­sungs­gere­icht das Gesetz ja wieder kassieren. Mal abge­se­hen davon, dass es ein­fach nicht sein kann, dass die Bun­desregierung immer mal wieder Gesetze durch­setzt die dann doch kassiert wer­den, dauert es doch immer eine ganze Weile, bis das Ver­fas­sungs­gericht urteilt. Nicht immer, muss das Gesetz wie im Falle des bayr. Ver­samm­lungs­ge­set­zes nahezu kom­plett aus­ge­setzt wer­den. Häu­fig wird es erst ein­mal nur eingeschränkt, siehe Vor­rats­daten­spe­icherung. Ich finde, dass diese Praxis ein erchreck­endes Licht auf das Rechtsver­ständ­nis unserer gewählten Vertreter wirft.

Soviel zu den den Diskus­sio­nen mit Per­so­nen im Bekan­ntenkreis. Ich habe mir mal den Spass gemacht und habe die bei­den Bun­destagsab­ge­ord­neten aus Fürth angeschrieben und um eine Stel­lungsnahme gebeten. Während Chris­t­ian Schmidt (CSU — dafür) sich auf Abge­ord­neten­watch dazu äußert, äußert sich seine Kol­le­gin Mar­lene Rup­precht (SPD — nicht anwe­send) generell nicht über diese Plat­form. Immer­hin habe ich einen Brief (per E-Mail, als PDF) aus ihrem Büro erhal­ten. Lei­der ist dieser Brief nicht von Frau Rup­precht selbst, son­der nur von einer Sach­bear­bei­t­erin unter­schrieben. Ferner wurde mir nicht mit­geteilt, ob ich diese Antwort online stellen darf (trotz entsprechen­der Nach­frage). Daher möchte ich hier nicht darauf ver­linken.
Zu den Antworten lässt sich sagen, dass beide Poli­tiker ihren jew­eili­gen Parteien zu dem Gesetz grat­ulieren. Einen Auf­bau einer Zen­sur­in­fra­struk­tur sehen sie nicht, da das Gesetz ja auf KiPo beschränkt und zeitlich befris­tet sei. Auch das Experten­gremium finden sie super.
In wie fern ich Poli­tik­ern traue, habe ich ja schon einiger­maßen deut­lich gemacht. Gesetze kön­nen geän­dert wer­den. Klar müsste eine Ausweitung der Sper­ren erst in Form eines neuen Geset­zes disku­tiert und ver­ab­schiedet wer­den. Aber wie wir an dem “Zugangser­schwerungs­ge­setz” gese­hen haben, kann dies sehr schnell und unter Aus­blendung fast aller Bedenken gehen. Das Experten­gremium halte ich per­sön­lich für einen ziem­lich zahn­losen Tiger. Nicht nur, dass das Gremium wie das BKA in der Exeku­tive und nicht in der Judika­tive (von wegen straf­bare Inhalte und so) ange­siedelt ist. Nein, selbst wenn sich die fünf Per­so­nen jeden Tag durch die Lis­ten quälen müssten, wäre es alleine schon Auf­grund der Dynamik der Lis­ten nicht ger­ade ein­fach einen Überblick zu behal­ten. Neben­bei sei erwähnt, dass ich dem BKA nicht über den Weg traue und es sicher möglich ist, dem Kon­troll­gremium “geschönte” Liste zukom­men zu lassen.

Vielle­icht bin ich ja gegenüber der Poli­tik und dem Staat ein­fach zu mis­strauisch. Das ändert aber nichts daran, dass ich ein ver­dammt komis­ches Gefühl im Bauch habe. Daher werde ich weit­er­hin ver­suchen andere Per­so­nen über die Gefahren so einer Zen­sur­in­fra­struk­tur zu überzeu­gen. Ich werde auch nicht mehr so schnell damit aufhören ganz genau auf das zu hören was Poli­tiker wann zu welchem Thema gesagt haben. Ja, ich glaube ich bin jetzt endgültig aufgewacht und von der Couch gefallen. Nicht, dass ich vorher total unpoli­tisch war, aber jetzt werde ich poli­tisch sicher­lich aktiver.….